Kritisch beäugt

Die Auflösung von Zeit und Raum

An zweihundert Tagen in drei Jahren begleitete und filmte Dieter Fahrer Insassen der Schweizer Strafanstalt „Thorberg“. Verdichtet auf eine Laufzeit von etwas mehr als eineinhalb Stunden zeigt sein gleichnamiger Dokumentarfilm nicht nur Momentaufnahmen aus dem Gefängnisalltag, sondern konzipiert das Phänomen der Internierung als illusorische Auflösung von Zeit und Raum, die im filmischen Medium reflektiert.

Das Schloss Thorberg, gelegen auf einer Anhöhe über dem voralpinen Emmental, dient seit mehr als 100 Jahren als Strafanstalt. 180 Männer aus 40 Nationen sitzen hier derzeit ein. Filmemacher Dieter Fahrer wirft einen Blick hinter die Mauern, Zäune und Gitter, hinein in die Zellen. Sieben Inhaftierte werden in ihrem Alltag gefilmt, wobei die dokumentarische Methode stark an Prämissen des Direct Cinema erinnert: In direkter Adressieung der Rezipient(inn)en schildern die Gefangenen ihr subjektives Erleben der Internierung und konfrontieren sich und sie mit ihren Taten.  Interviewer wie Kamera treten scheinbar in den Hintergrund.

Doch nimmt an dieser Stelle die Kamera und mit ihr das gedachte mediale Gegenüber eine besondere Position ein: Denn als sich die Protagonisten Fragen nach dem „Warum“ des Geschehenen sowie Fragen nach Schuld und Sühne zuwenden, transformiert das mediale Gegenüber schließlich zum Gegenüber eines fortlaufenden Geständnisses, das ganz im Sinne der Foucault`schen Techniken der Selbstregierung zu verstehen ist.

Doch ist dies nicht die einzige mediale Intervention, die Beachtung verdient. Denn ebenso reflektiert der Film ein spezifisches Verhältnis von Gefangenschaft, Zeit und Raum, das er auf eine filmische Ebene hebt: Die Ambivalenz von Enge und Weite bestimmt die Ikonografie von „Thorberg“: Hier die engen Zellen mit ihrer eckigen Gleichförmigkeit, die durch die abgeschnittenen Bilder der Halbtotalen betont wird, dort der vogelperspektivische Blick über das Emmental mit den schneebesetzten Alpengipfeln am Horizont. Im Kamerablick aus den Fenstern der Zellen erschließt sich dann eine Schnittstelle zwischen den Polen von Enge und Weite, indem die Sicht auf das Tal von den Fensterrahmen begrenzt und durch die Gitterstäbe durchschnitten wird. So wie die Leinwand als filmophanischer Rahmen die Illusion von Entfernung und Weite generiert, schafft ebendieser der Blick aus dem Fenster eine Illusion von Ferne, denn der  Lebensraum der Gefangenen begrenzt sich auf eine Fläche von 8,5 Quadratmeter.

So wie hier die räumliche Weite in Illusion erodiert, wird auch die Zeit im Gefängnis zum Phantasma. Bis zu 18 Stunden des Tages verbringen die Gefangenen in ihrer Zelle, wodurch der kosmische Zeitlauf sich durch die allumfassende Präsenz des Gefangenseins subjektiviert und Zeit für die Inhaftierten schließlich zu einer unfassbaren Größe wird. Der Film reflektiert auch diese zeitliche Erosion, indem er lange Sequenzen integriert, die die Gefangenen schweigend und beschäftigungslos dasitzend zeigen. Die akustische Stille und das Stillstehen der Handlung lösen so letztlich auch die filmophanische Zeit auf: Ein wiederkehrendes Innehalten, eine asynchrone Entschleunigung, die den rhythmischen Zeitverlauf des Films durchbricht und ebenfalls die Rezipient(inn)en zu Beobachtung und Reflexion zwingen will.

 

Filmplakat Thorberg

Filmplakat „Thorberg“. Quelle: Balzli & Fahrer Filmproduktion

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2 Kommentare zu “Die Auflösung von Zeit und Raum

  1. Zeit und Raum, da bin ich absolut deiner Meinung, sind die bestimmenden Größen dieses Films.
    Die Zeit, die in ihrer Eigenschaft als objektiv messbare Größe für jeden Einzelnen stets eine Funktion auch der Verankerung in den allgemein unter dem Begriff der „Realität“ zusammengefassten Abläufen erfüllt, löst sich auf. In der perspektivlosen Untätigkeit der Insassen, die innerhalb der Zellen allein auf sich und ihre eigenen Gedanken zurückgeworfen sind. Die sich selbst in keiner zeitlichen Struktur mehr befinden, da sie statt auf Gegenwart, Vergangenheit oder Zukunft gerichtet, nur noch im Konjunktiv stattfinden: Hätte ich nicht, wäre ich nur nicht… Wer aus dieser Endlosschleife nicht ausbrechen kann, wird verrückt. Und dann löst sich nicht nur die Zeit auf: „Kein Körper, nur Gedanken“.

    Dennoch möchte ich mit Blick auf den Titel der Kritik widersprechen. Denn eines löst sich keineswegs auf: Der Raum. Ganz im Gegenteil, er wird manifest wie die Mauern des Gefängnisses. Denn die Kamera verlässt das Gelände nie. Auch die Außenansichten sind lediglich von erhöhten Gebäuden der Anstalt selbst gefilmt. Selbst als ein Insasse die Anstalt verlässt, folgt die Kamera nur bis auf den äußeren Hof – verbleibt letztendlich aber innerhalb der Mauern.
    Das Leben und das Erzählte dort sind hermetisch abgeriegelt. Und selbst die wenigen Momente, in denen vermittelte Bezüge zur Außenwelt hergestellt werden – Janis‘ Telefonat mit seiner Oma, die Nachrichten im TV – machen in ihrer Darstellung, die konsequent aus der Perspektive der Insassen erfolgt, nur umso deutlicher, wie unerreichbar dieses Außen ist.
    Nicht nur unerreichbar, geradezu unwirklich erscheint die Welt jenseits der Anstalt in den Bildern, in denen die räumlich unmittelbare Nähe des Innen und Außen sichtbar wird. Nur wenige hundert Meter vom Thorberg entfernt verläuft die Landstraße zum nächsten in Sichtweite gelegenen Dorf. Im Hintergrund erheben sich die Alpen.

    Doch gerade diese paradoxe Verortung des Blicks zwischem dem räumlich Nahen und dennoch faktisch Unerreichbarem generieren sogar für den Zuschauer eine nahezu klaustrophobische Enge. Der Raum wird besonders in der Opposition von Weite und Enge immer kleiner.

    Was die Stärke von „Thorberg“ ausmacht – die Portraitierung von Insassen einer Strafanstalt aus konsequenter Innenansicht und die damit verbundene Insität des Gezeigten – möchte ich dem Film gleichzeitig vorwerfen.
    Zum einen sträube ich mich dagegen, die Protagonisten des Films von einer Seite zu sehen, die durch die erzählerische Nähe zu oft vergessen lässt, warum diese Menschen überhaupt in Thorberg gelandet sind. Viele von ihnen sind wegen Mordes verurteilt. Und ich frage mich, wie nah ich als Zuschauerin den Menschen dort kommen möchte. Aber gut, diese Herausforderung nehme ich an. Immerhin ist die Würde des Menschen unantastbar. Auch die eines Mörders. Und „Thorberg“ liefert sicherlich einen kontrovers zu diskutierenden Beitrag zur Debatte um die notwendige Menschlichkeit in Justizvollzugsanstalten.

    Und damit komme ich auch schon zum zweiten Punkt meiner Kritik: Die hermetische Abriegelung des Dargestellten kostet den Film leider die Möglichkeit, die größeren Dimensionen, in denen Thorberg steht, aufzuzeigen.
    Der Film beginnt mit einem schriftlichen Zitat aus dem Schweizerischen Strafgesetzbuch, Art. 75 I, welcher besagt:
    „Der Strafvollzug hat das soziale Verhalten des Gefangenen zu fördern, insbesondere
    die Fähigkeit straffrei zu leben.
    Der Strafvollzug hat den allgemeinen Lebensverhältnissen so weit als möglich zu entsprechen, die Betreuung des Gefangenen zu gewährleisten, schädlichen Folgen des Freiheitsentzugs entgegenzuwirken und dem Schutz der Allgemeinheit, des Vollzugspersonals und der Mitgefangenen angemessen Rechnung zu tragen.“

    Thorberg, so mein Eindruck nach Fahrers Film, erfüllt diese Vorschriften nicht. Denn obwohl physische Gewalt nur vereinzelt Thema zu sein scheint, so ist der psychische Druck immens. Mangels des Angebots von beruflicher Bildung ebenso wie von umfassender therapeutischer Betreuung.

    Mich hätte interessiert, ob Thorberg in diesem Sinn ein Einzelfall oder doch symptomatisch für (schweizerische) Haftanstalten ist. Und ob Strategien in Psychologie, Justiz und Politik entwickelt werden, diese Zustände zu ändern.
    Diese größere Einordnung kann der Film nicht leisten, da er sich das Außen als solches verbietet. Schade.

  2. Vielleicht wäre der Titel „Die Auflösung von Zeit und Weite“ unmissverständlicher gewesen, denn die Essenz der Beobachtung zielt darauf, dass „Thorberg“ den weiten Raum als Illusion konzipiert, so wie dies auf der Leinwand als filmophanischem Rahmen im Allgemeinen ebenfalls geschieht. So löst sich die Weite (oder Ferne) durch die Omnipräsenz des Eingesperrtseins auf engem Raum illusorisch auf.

    Zur Nähe zu den Gefangenen: Ich denke, es ist die Stärke und Möglichkeit des Dokumentarfilms als solchem und „Thorbergs“ im Besonderen, Bilder und Impressionen von (geografischen, aber auch psychischen und sozialen) Orten aufzeichnen zu können, die das Publikum in seiner außerfilmischen Wahrnehmung nicht erreichen kann, was hier vor allem die spektatorielle Nähe zu den Gefangenen betrifft. So kann der Film durch mediale Vermittlung Berührungsängste überwinden, indem er die physische Präsenz des Publikums am Ort des Geschehens unnötig macht. Ich denke, dass es dann genau diese psychische Herausforderung ist, die Du angesprochen hast, die an das Publikum die Aufgabe stellt, die Gefangenen in einer spezifischen psychischen Wahrnehmungssituation in gewisser Weise auch zu „ertragen“, so wie die Gesamtgesellschaft das Verbrechen und die Straftäter „ertragen“ und mit ihnen umgehen muss.

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